Vom Funktionieren zum Selbstverständnis
- ulrikelavilla
- 7. Okt. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. Nov. 2025

Was fällt dir leichter: In der täglichen Routine funktionieren oder etwas völlig Neues, Anderes auszuprobieren?
Für die meisten von uns ist das Bekannte leichter. Das, was wir gewohnt sind. Selbst wenn es uns manchmal anödet. Selbst wenn es schmerzt.
Ein Arzt sagte einmal in einer Unterhaltung zu mir:
„Die Menschen leiden lieber, als sich zu verändern.“
Hart, oder? Und doch spüren wir: Da ist was dran.
Wir bleiben in Jobs, die uns nicht erfüllen.
In Beziehungen, die uns nicht nähren.
In Gedanken, die uns klein halten.
In Gewohnheiten, die uns schaden.
Warum? Weil das Bekannte – so unbefriedigend es auch sein mag – eine trügerische Sicherheit bietet. Veränderung bedeutet Unsicherheit. Und Unsicherheit kann sich bedrohlich anfühlen
Woher kommt das? Die frühe Konditionierung
Dieses Muster beginnt früh. Sehr früh. In einer Zeit, in der wir noch ganz unbewusst von anderen lernen und deren Denk- und Verhaltensmuster annehmen.
Mit fünf Jahren kam ich in die Schule. Und plötzlich war Schluss mit freiem Spiel, eigenem Rhythmus, Träumen, Neugier. Stattdessen: Still sitzen. Zuhören. Funktionieren.
Ich konnte mir die Welt nicht mehr auf meine Weise erschließen. Musste mich anpassen – an Regeln, an Gruppen, an Autoritäten.
Für viele Kinder ist das eine sehr harte Erfahrung. Sie werden aus ihrem Flow gerissen – diesem wunderbaren Zustand, in dem sie ganz bei sich sind, ihrer Kreativität folgen, in ihren Gedanken und Träumen verweilen können. Und dann lernen sie sehr schnell eine fundamentale Lektion:
Wenn ich mitmache und funktioniere, bekomme ich Lob, Anerkennung und vielleicht sogar Liebe von meinen Eltern.
Wenn ich nicht mitmache? Dann gibt es Ärger. Schlechte Noten. Mama ist traurig. Papa schimpft. Oder umgekehrt.
So gewöhnen wir uns sehr früh daran zu funktionieren. Wir schneiden uns von unserem eigenen kreativen Flow ab. Wir bilden Gewohnheiten. Und wir wissen: Gewohnheiten sind mächtige, unbewusste, automatische Programme, die uns von innen heraus steuern. Die unsere Entscheidungen beeinflussen, ohne dass wir es merken.
Der „Muss-ja“-Kreislauf
Diese alten Programme laufen weiter. Jahrzehnte später.
„Ich muss funktionieren.“„Ich muss ja.“„Wenn ich Feierabend habe, dann …“„Am Wochenende, dann …“ "Wenn es mal in den Tagesablauf passt, dann kümmere ich mich um mich."
Aber wann ist eigentlich dieses Dann? Und wer sagt, dass du überhaupt „musst“?
Oft sind es die alten Stimmen. Die Angst, abgelehnt zu werden. Die Sehnsucht nach Anerkennung. Die vertrauten Programme aus der Kindheit.
Wie geht’s dir?
„Muss ja!“
Wirklich? Oder ist das nur Gewohnheit?
Selbstverständnis – Der Weg zurück zu dir selbst
Was wäre, wenn das Wichtigste im Leben ist, ein Selbstverständnis zu entwickeln? Im Sinne von: Verständnis für das eigene Selbst. Den Weg zu sich selbst. Das eigene Sein zu entwickeln.
Das bedeutet: Ich verstehe wirklich, warum ich so bin – im Moment – wie ich bin.
Nicht um mich zu optimieren. Nicht um noch besser zu funktionieren. Sondern um mich zu verstehen. Um bei mir anzukommen.
Das bedeutet auch: Ich bin wirklich interessiert an meiner Entwicklung. Ich verschiebe sie nicht ständig auf später. Nicht auf den Feierabend. Nicht aufs Wochenende. Nicht auf irgendwann, wenn es mal passt. Sondern jetzt.
Die Frage ist: "Was brauche ich, um eine andere, neue Sichtweise auf mich und mein Leben zu bekommen?"
Vielleicht brauche ich:
Den Mut, inne zu halten statt weiterzurennen
Die Erlaubnis, nicht perfekt funktionieren zu müssen
Die Neugier auf mich selbst, die ich als Kind hatte
Die Bereitschaft, die alten Stimmen zu hinterfragen: "Wer sagt das? Warum glaube ich das?"
Es geht nicht darum, alles auf einmal zu ändern. Es geht darum anzufangen. Heute. Jetzt.
Es geht darum, aus dem automatischen Funktionsmodus auszusteigen und bewusst zu werden. Zu fragen: "Warum handle ich gerade so? Was fühle ich wirklich? Was brauche ich wirklich?"
Eine Einladung
Selbstverständnis entwickelt sich nicht nebenbei. Nicht zwischen Tür und Angel. Nicht in den Lücken, die der Alltag vielleicht irgendwann mal lässt.
Es braucht deine bewusste Entscheidung. Deine Priorität. Dein echtes Interesse an dir selbst.
Die gute Nachricht: Du musst nicht erst leiden, bevor du dich veränderst.
Du kannst jetzt beginnen, dich zu verstehen. Jetzt beginnen, dich neu kennenzulernen. Jetzt beginnen, aus den alten Programmen auszusteigen und bewusst zu entscheiden: Was brauche ich in diesem Moment?
Eine Minute für mich
Inspiriert von der Idee aus Spencer Johnsons Buch „Eine Minute für mich“, lade ich dich ein, diesen Moment als Übung zu sehen.
Eine Minute ist so kurz, dass dein innerer Widerstand keine Chance hat. Die Ausrede "Ich habe keine Zeit" gilt nicht bei einer Minute. "Das bringt doch nichts" kannst du erst nach dem Versuch behaupten. "Später" wird zu "jetzt" – weil es wirklich nur eine Minute ist.
Und genau darum geht es: Den Kreislauf des Aufschiebens zu durchbrechen. Nicht mit einem großen Plan. Nicht mit einer Stunde Meditation. Sondern mit einer einzigen Minute.
Die Übung:
Halte inne. Jetzt. Nur eine Minute lang.
Schließe kurz die Augen oder lass den Blick einfach weich werden.
Höre in dich hinein. Und frage dich: Wie kann ich jetzt gerade, in diesem Moment, besser für mich sorgen?
Vielleicht ist es ein tiefer Atemzug. Vielleicht die Schultern lockern. Vielleicht ein Glas Wasser trinken. Vielleicht die Erkenntnis: "Ich brauche eine Pause." Vielleicht einfach nur diese eine Minute des Innehaltens selbst.
Was auch immer kommt – es ist richtig. Weil es von dir kommt. Weil du dich selbst fragst. Weil du bei dir bist. Eine Minute. Jeden Tag. Immer wieder zwischendurch. Das ist der Anfang.
Lass dich überraschen, was alles möglich wird, wenn du dir nur eine Minute für dich nimmst.



Kommentare